Blog von Marit Meinhold – Episode 5

Ausflug in die Welt der Medien

» Als ich vor sechs Jahren zum Studium nach Konstanz zog, wusste ich praktisch nichts über die Stadt, die mein neues Zuhause werden sollte.

Als Student in Residence startete, konnte wohl keiner der Beteiligten ahnen, wie viel mediales Interesse an diesem Projekt bestehen würde. Zwischenzeitlich haben nicht nur regionale Zeitungen, Radio- und Fernsehsender darüber berichtet, sondern sogar deutschlandweite Medien wie das ZDF und die Bild am Sonntag haben das Tertianum am Bodensee besucht, um sich selbst ein Bild davon zu machen, wie der Austausch zwischen Studentin und Bewohnern funktioniert. Der Südkurier als Konstanzer Zeitung hatte schon seit der ersten Konzeption des Projektes darüber berichtet und dafür geworben. Über die typische Form des Interviews hinaus entschloss sich die Redaktion für Lokales, mir die Chance zu geben, aus meiner Perspektive zu erzählen, wie sich meine Wahrnehmung der Generationen in Konstanz im letzten halben Jahr verändert hat.

Da saß ich nun vor dem weißen Blatt und überlegte hin und her, was ich in den Artikel aufnehmen sollte und was nicht. Im Gegensatz zum Schreiben an der Uni, wo man manchmal darum ringt, die nötige Seitenanzahl mit Worten zu füllen, ging es hier darum im Rahmen der vorgegebenen Zeichenzahl zu bleiben, was schwerer ist, als man denkt. Ich dachte an so viele Gespräche, die ich zwischenzeitlich mit Bewohnern geführt hatte, die mein Bild der Generationen und vor allem auch der Interaktion zwischen den Generationen verändert hatten. Eine Frau zum Beispiel trifft sich täglich mit Studenten zum gemeinsamen Spazierengehen. Die Studenten, die teils aus dem Ausland kommen, üben mit ihr Deutsch und sie hat eine Absicherung dabei, falls ihr die Kraft ausgehen sollte. Andere haben früher direkt neben dem Seerhein gewohnt, wo sich im Sommer scheinbar die halbe Stadt zum Grillen, Baden und Chillen trifft, und haben sich dort so ihre Gedanken über das Studentenleben gemacht. Es hätte also genug zu erzählen gegeben, aber eine Zeitung ist ja kein Roman und in der Kürze liegt bekanntlich die Würze. So schaffte es leider kaum eine Anekdote in den Artikel, in dem ich stattdessen versuchte, das meiner Meinung nach Wesentliche deutlich zu machen: Es gibt schon an vielen Stellen einen Austausch, aber man nimmt ihn im Alltag kaum wahr. Es gibt auch einige Begegnungsräume und –möglichkeiten, die aber noch deutlich mehr genutzt werden könnten. Dass es sich lohnt, sich auf Begegnungen mit Menschen aus anderen Generationen einzulassen, kann ich nur bestätigen. «

Im Folgenden können Sie den Artikel, der am 14.03. im Südkurier erschien, noch einmal in seiner Gänze lesen:

„Als ich vor sechs Jahren zum Studium nach Konstanz zog, wusste ich praktisch nichts über die Stadt, die mein neues Zuhause werden sollte. Ich wusste weder, dass sie zu den 30 teuersten Städten Deutschlands gehört, was die Miete betrifft, noch, dass sie eine besondere Altersverteilung hat: knapp ein Viertel Studenten und knapp ein Viertel Senioren über 60 Jahre. Am allerwenigsten ahnte ich, dass ich mit 25 Jahren hier für ein Jahr in eine Seniorenresidenz ziehen und noch eine andere Seite der Stadt kennenlernen würde. Seit Oktober wohne ich in der Altstadt im Tertianum mit etwa hundert Senioren. Die Miete dafür zahle ich in gemeinsam verbrachter Zeit.

Die gemeinsamen Aktionen und Gespräche seither haben meine Sicht auf Konstanz verändert. Zunächst fing ich an, die Senioren in der Stadt bewusst wahrzunehmen und jetzt sehe ich sie überall, direkt neben den Studenten und den Familien mit Kindern. Vielleicht geht es nur mir so, aber oftmals scheint mir das Leben der Masse einfach an den Senioren vorbeizurauschen. Nur wenn jemand ausgebremst wird oder innehält, um einem älteren Menschen zu helfen, entsteht ein kurzer Kontakt im Alltag. Liegt das daran, dass es keine Berührungspunkte zwischen Senioren und jüngeren Leuten gibt? Als ich ins Tertianum zog, konnte ich nur hoffen, dass das nicht der Fall ist.

Tatsächlich war es kein Problem, gemeinsame Themen zu finden, als ich anfing, statt der Smalltalk-Fragen das zu fragen, was mich interessiert oder von dem zu erzählen, was mich beschäftigt. Das machen viele Bewohner nun auch und dadurch entsteht ein Austausch auf Augenhöhe. Ich schätze daran sehr, dass wir uns als Erwachsene neu begegnen. So entsteht eine andere Dynamik als in der Familie, wo die Familiengeschichte die eingenommenen Rollen prägt. Dass ich mit im Haus wohne, erleichtert den Zugang, weil ein ungezwungener Rahmen für Gespräche gegeben ist und sich durch das gemeinsame Wohnen neue gemeinsame Themen ergeben. Einige Bewohner haben mir gesagt, dass sie sich gern mit jüngeren Menschen unterhalten, aber nur selten Gelegenheit dazu haben. Eine Frau hat mir erklärt, wie schnell man im Alter einsam wird. Wenn der Partner stirbt und ein Großteil der Freunde und Geschwister auch bereits verstorben sind, bleibt man oft isoliert zurück und nicht immer kann die Familie das auffangen. Das trifft selbstverständlich nicht auf alle Senioren zu. Auch das habe ich zwischenzeitlich verinnerlicht: Es gibt nicht „die Senioren“, weder in Konstanz noch generell. Nur weil man eine Altersgrenze überschreitet, heißt das ja nicht, dass plötzlich all die verschiedenen Geschmäcker und Interessen verschmelzen zu einer Vorliebe für Filzpantoffeln und Busreisen. Beim Mittagessen unterhalten sich im Tertianum zum Beispiel manche über Dekoartikel, andere über Politik, die Olympiade, Reisen oder Mode.

Es gibt viele gemeinsame Themen, wenn man den Raum findet, über diese zu sprechen. Auch in dieser Hinsicht sehe ich Konstanz jetzt anders. Cafés und Restaurants mit engen Gängen und schlichten Holzstühlen sind urig und gemütlich, aber für Senioren oft schwer zugänglich. Orte wie der Seeburgpark in Kreuzlingen rücken an den Rand des möglichen Bewegungsradius. Dafür entdecke ich neue Orte. Ich kenne jetzt das Seniorenzentrum, Restaurants, die man direkt mit dem Bus erreichen kann und weiß, wie man barrierefrei von der Altstadt an die Seepromenade kommt. Wie viel Neues könnten wir entdecken, wenn wir uns darauf einlassen, die Stadt aus den Augen einer anderen Generation zu sehen? Ich kann jeden nur ermuntern, es auszuprobieren.“

Über das Projekt Student in Residence

Die Tertianum Premium Residences in Berlin, München und Konstanz folgen der Überzeugung „Das neue Alter ist alterslos“.

Diesem Grundsatz entsprechend initiiert Tertianum das Programm „Student in Residence“: Ab dem Wintersemester 2017/18 wohnt eine Studentin für die Dauer eines Jahres kostenfrei in einer Stadthaus-Wohnung der Tertianum Suites in Konstanz, inklusive 5-Sterne-Service. Im Gegenzug verbringt die Studentin 20 Stunden im Monat mit den Bewohnerinnen und Bewohnern.

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