Blog von Marit Meinhold – Episode 10

Neues aus der Vergangenheit

» Viele Fragen, die ich den Bewohnern und Bewohnerinnen hier schon gestellt habe, habe ich meinen Großeltern noch nicht gestellt. Ich denke, das liegt zu einem großen Teil daran, dass man das Gefühl hat, seine Großeltern ja schon gut zu kennen.

Neulich beim Mittagessen ergab sich wie so häufig ein angeregtes Gespräch über dies und das. Auf einmal sagte eine der Damen, die mit mir am Tisch saßen, leicht verwundert: „Was Sie für Fragen stellen; an diese Dinge habe ich schon lange nicht gedacht. Es hat aber auch niemand danach gefragt.“ Und ihre Tischnachbarin ergänzte, dass sie das genauso empfinde. Beide bekommen regelmäßig Besuch von ihrer Verwandtschaft und haben auch eine gute Beziehung zu Kindern und Enkeln. Beide meinten aber auch, dass diese zwar fragen würden, wie es ihnen gehe und was es Neues gebe, aber da es nicht oft etwas Neues zu berichten gebe, wende sich das Gespräch dann schnell all den Neuigkeiten zu, die sich im Leben der Kinder und Enkel ereignet haben.

Die Frage, die zu dieser Verwunderung geführt hat, war eigentlich ganz simpel. Ich fragte, in welchem Alter sie denn das erste Mal zuhause ausgezogen seien und ob sie dann allein gelebt hätten oder direkt nach der Hochzeit mit ihrem Mann zusammengezogen seien. Eine ähnliche Reaktion habe ich auch ein anderes Mal erlebt, als ich nach den Hochzeiten und vor allem nach den Hochzeitskleidern fragte, die die Frauen zu ihrer Vermählung trugen. In beiden Fällen riefen diese simplen Fragen eine Vielzahl von Erinnerungen hervor, die auch weit über die eigentliche Frage hinausgingen. Eine Frau erzählte mir zum Beispiel von Hochzeitsbräuchen, die sie als kleines Kind auf der Alb erlebt hatte, eine andere sprach von Ballonseide und Nähmaschinen.

Diese Gespräche haben mich zum Nachdenken angeregt, nicht nur über den Inhalt des Gesagten, sondern auch über all das nicht angetastete Wissen dieser Generation und die Freude meiner Gesprächspartnerinnen darüber, diese Erinnerungen wiederzuentdecken. Die Aussage „es hat aber auch niemand danach gefragt“ hat auch mir den Spiegel vorgehalten – bei meiner eigenen Verwandtschaft, bei den eigenen Großeltern drehen sich die Gespräche auch oft mehr um die Neuigkeiten in der näheren und der entfernteren Verwandtschaft als um ihre Erfahrungen und Erinnerungen. Viele Fragen, die ich den Bewohnern und Bewohnerinnen hier schon gestellt habe, habe ich meinen Großeltern noch nicht gestellt. Ich denke, das liegt zu einem großen Teil daran, dass man das Gefühl hat, seine Großeltern ja schon gut zu kennen. Oft kennt man sie, solange man sich erinnern kann, sie waren das ganze Leben schon da und sind einem vertraut. Man kennt Anekdoten und Teile ihrer persönlichen Lebensgeschichte und denkt deshalb, dass man ja eigentlich alles Wichtige über sie wisse. Allerdings ist mir durch die Zeit im Tertianum erst viel stärker bewusst geworden, dass Großeltern nicht nur ein Leben hatten, bevor sie Großeltern wurden, sondern auch bevor sie Eltern wurden. Das klingt banal, aber gerade über diese Zeit des Umbruchs zwischen Kindheit und Erwachsenenleben weiß man doch als Enkelkind meist kaum etwas.

Ich habe als Reaktion auf diese Einsicht direkt die nächste Gelegenheit ergriffen, meine Oma zu fragen, wie es für sie in meinem Alter war als junge Ehefrau und Mutter, wie ihr Leben damals aussah, worauf sie sich freute und wovor sie Angst hatte. Ich habe daraufhin eine Geschichte erzählt bekommen, die ich noch nicht kannte. Den Selbstversuch kann ich nur jedem und jeder empfehlen – auch in der Vergangenheit gibt es viel Neues zu entdecken. «

Über das Projekt Student in Residence

Die Tertianum Premium Residences in Berlin, München und Konstanz folgen der Überzeugung „Das neue Alter ist alterslos“.

Diesem Grundsatz entsprechend initiiert Tertianum das Programm „Student in Residence“: Ab dem Wintersemester 2017/18 wohnt eine Studentin für die Dauer eines Jahres kostenfrei in einer Stadthaus-Wohnung der Tertianum Suites in Konstanz, inklusive 5-Sterne-Service. Im Gegenzug verbringt die Studentin 20 Stunden im Monat mit den Bewohnerinnen und Bewohnern.

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