Blog von Marit Meinhold – Episode 4

Literatur in den Häusern – Literatur zwischen Generationen

«Literatur in jeder Form ist meiner Meinung nach eines der Medien, die zeitlos sind und mühelos Generationen verbinden.»

Anfang des Monats hatte ich im Tertianum das Vergnügen – wie viele andere Privatpersonen in Konstanz und Kreuzlingen – ein Mitglied des Stadttheaters Konstanz zu einer Lesung willkommen zu heißen. Bereits zum 16. Mal trugen Schauspieler dieses Jahr ihre Lieblingsbücher in Privatwohnungen und erweckten Geschichten, die ihnen am Herzen liegen vor einem kleinen Kreis von Zuhörern zum Leben. Ich war sehr gespannt auf diese Veranstaltung. Einerseits natürlich, weil ich als Gastgeberin auftreten sollte und 30 Personen Karten gekauft hatten. Andererseits weil ich es wunderbar finde, Geschichten erzählt zu bekommen und schon lange keine Lesung mehr gehört hatte. Oftmals finden Lesungen ja anlässlich des Erscheinens neuer Bücher statt, wobei die Autoren dann ihr Werk präsentieren und versuchen, die Zuhörer neugierig zu machen auf die Welt, die sie erschaffen haben. Dass man aber an der Theaterkasse an einem Abend die Wahl hat zwischen 27 Lesern und 27 verschiedenen Büchern, das ist schon eine andere Dimension der Lesung.

„Unsere“ Lesung im Tertianum bestand aus Erzählungen aus Thomas Hürlimanns Buch „Die Satellitenstadt“. Ausgewählt und gelesen wurden diese Geschichten von Hans Helmut Straub und die Art, wie er las, fesselte das Publikum von Anfang an. Die Geschichten sind teils komisch, teils traurig, teils schwer auszuhalten in ihrer graphischen Darstellung schrecklicher Ereignisse, aber alle wurden sie beim Vorlesen lebendig und übertrugen ihre Emotionen auf die Zuhörer. Das lag sicherlich nicht nur an Hürlimanns lebhafter Sprache, sondern auch an der Art, wie Herr Straubs Stimme Charaktere, Choräle und Hintergrundgeräusche gleichermaßen heraufbeschwor und wie seine Gesten die Handlung greifbar werden ließen. Auch die anderen Besucher, egal ob Bewohner oder externe Gäste, waren begeistert von dieser Lesung. Hans Helmut Straub tritt nicht nur in Lesungen auf, er schreibt und spielt auch Stücke für Puppentheater und wirkt so selbst als Geschichtenerzähler für jedes Alter.

 

Literatur in jeder Form ist meiner Meinung nach eines der Medien, die zeitlos sind und mühelos Generationen verbinden. Das beginnt schon mit dem Vorlesen im Kindesalter – egal, ob große Geschwister, Eltern, Großeltern oder Menschen außerhalb der Familie vorlesen. Die Geschichten helfen den Kindern, die Welt zu begreifen, Emotionen zu verstehen und zu lernen, sich in die Perspektive anderer Menschen zu versetzen. Ganz abgesehen von diesen positiven gesellschaftlichen und persönlichen Effekten macht es aber auch einfach Spaß, eine Geschichte zu hören und zu sehen. Wenn beispielsweise beim Rotkäppchen die „Großmutter“ mit tiefer Stimme antwortet: „Damit ich dich besser sehen kann“, und dabei die Augen weit aufreißt, dann ist das noch einmal deutlich spannender, als nur der Hörbuchversion zuzuhören. Literatur verbindet Menschen aber nicht nur, wenn sie gemeinsam gelesen und gehört wird. Die Romane, Gedichte und Theaterstücke, die wir lesen, auswendig lernen oder auf der Bühne sehen, stehen ja nicht nur für sich. Die Muster, die immer wieder aufgegriffen werden, gehören zu unserem kollektiven kulturellen Gedächtnis. Die immer selben Mythen treten in der Literatur in immer neuer Gestalt auf und verbinden als roter Faden die Gegenwart mit der Vergangenheit. Generationen von Schülern haben sich mit denselben Texten befasst, sich an ihnen erfreut oder sich mit ihnen abgemüht. Und dieses gemeinsame Wissen verbindet Generationen ohne Zweifel miteinander. Auch wenn die konkreten Bücher, die gerade beliebt sind, sich ändern und immer wieder neue Ideen und Welten in der Literatur verarbeitet und erschaffen werden, lernen wir aus Geschichten doch immer wieder neu darüber nachzudenken, was Menschen in ihrem Innersten bewegt und antreibt. Wir lernen uns auf andere Gedanken als die eigenen einzulassen und begegnen Charakteren, die ganz anders denken und handeln, als wir es vielleicht tun würden. All das ist, wie ich finde, auch Teil eines Austauschs zwischen Generationen. Wie in der Literatur können wir bei einem solchen Austausch feststellen, dass gänzlich andere Perspektiven auf das Leben und die Welt nicht nur ihre Berechtigung haben, sondern auch unser eigenes Leben bereichern können und dass es vielfältige Antworten auf dieselben Fragen gibt. Ich denke, die Frage welches Buch einem am besten gefällt, ist letztendlich vielleicht nicht so wichtig, wie die Frage, warum einem dieses Buch so gut gefällt. Und wenn wir darüber sprechen, zeigt sich schnell, dass wir unabhängig von der Generation ähnliche Fragen stellen und nach ähnlichen Geschichten suchen. «

Über das Projekt Student in Residence

Die Tertianum Premium Residences in Berlin, München und Konstanz folgen der Überzeugung „Das neue Alter ist alterslos“.

Diesem Grundsatz entsprechend initiiert Tertianum das Programm „Student in Residence“: Ab dem Wintersemester 2017/18 wohnt eine Studentin für die Dauer eines Jahres kostenfrei in einer Stadthaus-Wohnung der Tertianum Suites in Konstanz, inklusive 5-Sterne-Service. Im Gegenzug verbringt die Studentin 20 Stunden im Monat mit den Bewohnerinnen und Bewohnern.

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